Todd Bodine: Die Langsamkeit des Seins

von ludwig am 26. April 2004


Berliner Housemusik braucht nichts weniger als Stylefanatismus und neuen Freestylefetischismus, sondern kann sich, wie Todd Bodine beweist, ständig im Stillen weiterentwickeln und seine Netze von Label zu Label immer weiter spinnen.

Der gemeine Tech-Houser muss schon ganz schön strampeln, um wahrgenommen zu werden. Die Karten sind ausgeteilt und die besten Plätze besetzt. Etablierte Netzwerke wie die Minimal-Bande Perlon oder Cutup-Ikonen wie Akufen haben es sich in den ersten Rängen bequem gemacht und legen genüsslich Füße und Messlatten hoch. Zusätzlich zieht einem Label- und Releaseflut den Boden unter den Füßen weg und man hat auch noch die Puristen-Horde auf den Fersen und die erklärten Tech-House-Hasser im Nacken. “Tech-House, äh, war das nicht der Trend vor Electroclash?” Wenn man dann noch bescheiden auftritt, muss man schon mit beiden Füßen fest auf dem Boden stehen und sich an gewachsenen Netzwerken gut festhalten, damit einem nicht die Felle wegschwimmen.

Naja, ganz so schlimm ist es nicht und im Windschatten lässt es sich ja auch gut leben, im Sinne eines musikalischen Nachtschattengewächses, das nicht unbedingt die pralle Aufmerksamkeitssonne braucht, um Früchte hervorzubringen. Todd Bodine ist so ein Fall. Der 27-jährige Berliner ist seit 1997 als Resident in Tresor und Globus aktiv und releaste seine ersten Tracks zusammen mit seinem musikalischen Mentor Daniel Paul vom Berliner Label Cabinet auf Seasons Recordings bereits 1999, worauf Platten auf Rampe D, Cabinet und unlängst auch auf Highgrade, Tongut und Morris Audio City Sport folgten. Trotzdem trifft man bei der Frage nach Todd Bodine selbst bei House-Spezialisten auf fragende Blicke und skeptisches Stirnrunzeln. Wer bitte? Ja, Todd Bodine.

Vielleicht liegt es ja auch daran, dass man beim Eingeben des Namens in Google mit patriotischen Nascar-Racing-Seiten konfrontiert wird, da der anscheinend höchst erfolgreiche Rennfahrer gleichen Namens sich im Gegensatz zum Berliner Todd Bodine allergrößter Aufmerksamkeit erfreut. “Damals war es nicht so angesagt, bürgerliche Namen zu nehmen wie heute. Ich hab ihn aus dem Spiel ‘Nascar Racing’ aus zwei Namen zusammengebastelt, den Rennfahrer Todd Bodine gab’s damals noch gar nicht. Und dann tauchte irgendwann mal dieser Typ auf. Ich wollte eigentlich einen Namen, den man nicht einschätzen kann.” Doch während sich diese Verwirrung eher auf Fans von Autorennen beschränken wird, dürfte Todd Bodine mit seiner überbordenden Bescheidenheit voll das Stereotyp des Minimal-House-Produzenten bedienen, der gerne positives Feedback in Kauf nimmt, ansonsten aber niemanden mit marktschreierischem Auftreten penetrieren will: “Ich bin einfach nicht der Typ, der sich hinstellt und sagt: ‘Hallo, da bin ich.’ Deswegen bin ich auch vielleicht nicht da, wo manche andere jetzt sind. Mir tut aber genau dieser Weg gut, ich will es lieber langsam angehen und in diese Sache reinleben. Es gibt zwar Leute, die releasen auf tausenden von Labels. Aber ob die sie dann auch 100%ig repräsentieren? Dann ist man halt ein Artist unter vielen. Was ich z.B. total gut finde, ist eine kleine Gruppe Leute wie die vom Sonarkollektiv, die ein Musikverständnis teilen und zusammenarbeiten, ohne sich abzuschotten, das fehlt mir gerade im Minimal- oder Tech-House-Bereich. Manchmal scheint viel Zeit zu vergehen, bis bei mir wieder was passiert. Aber rückblickend würde ich schon sagen, dass es kontinuierlich weitergeht.”

Und das tut es. Dabei kann man mit jedem Release von Todd Bodine neben der Handschrift des jeweiligen Labelmachers seine musikalische Entwicklung verfolgen. Von detroitig Housigem auf Tongut über technoid und vom Auflegen in Tresor und Globus geprägten minimaleren Tracks auf Rampe D bis zu den letzten Releasen auf Highgrade und Morris Audio City Sport, die beide Ansätze verknüpfen zu scheinen. So besticht gerade sein Track auf Highgrade durch ein trocken marschierendes Grundgerüst plus vorsichtig eingesetzte Melodie-Elemente, die manchmal etwas Retro-Artiges durchscheinen lassen, aber so scharf und genau austariert sind, dass an flächige Versuppung nicht zu denken ist. Auf einen Nenner gebracht – Tech-House. Das, was alle spielen und hinterher ist es wieder keiner gewesen? “Das ist halt das, was ich mache, diese Schnittstelle zwischen Techno und House. Ist halt immer schwierig mit den Begriffen, aber das trifft es schon am ehesten. Allerdings versteht da auch jeder was anderes darunter, neulich hat mich jemand im Globus beim Auflegen angesprochen, ob ich nicht mal ein bisschen Tech-House spielen könnte … Ich liege musikalisch halt genau da, wer sich da anstößt, mein Gott! (lacht).”

Klar auch, dass jemand mit einem ausgeprägten Sinn für Bescheidenheit die Zukunft klar kategorisiert: “Als nächstes kommt eine Maxi auf Tresor, mit einem John Tejada-Mix, danach wieder Sachen auf Morris Audio, Highgrade … und da gibt es noch ein paar Spinnereien.” Spinnereien? “Mal gucken, ob das stilistisch passt, aber ich stehe in Mail-Kontakt mit Cabanne, vielleicht gibt es ja auch mal was auf Telegraph. Oder vielleicht Palette.” Tejada, ick hör dir trapsen, wie war denn das mit dem Mix? “Ich hatte ihn irgendwann mal kennen gelernt und hab für die Tresor-Maxi überlegt, wen finde ich musikalisch total geil und wer bringt einen gewissen Bekanntheitsgrad mit (lacht) … und das ist halt John Tejada. Nachdem das mit dem Label geklärt war, ging alles sehr schnell. CD mit den Daten hingeschickt, eine Woche später konnte ich den Remix von seinem Server runterladen.” Dass John Tejada seine Tracks gefallen haben und zum Auflegen haben wollte, erwähnt er dabei mal eben im Nebensatz. Vielleicht sieht da jemand vor lauter Bescheidenheit das eigene Netzwerk nicht? Todd Bodine sollte man auf jeden Fall auf der Liste haben, Tech-House hin oder her, hier ist jemand up and coming.

Dieser Artikel erschien im Magazin DE:BUG.

 

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