Tigerskin: Alte Schule, neues House

von ludwig am 26. April 2004


Der umtriebige Berliner Produzent und musikalische Tausendsassa Alex Krüger legt sein wohl populärstes musikalisches Alter-Ego, den Dub Taylor, mal kurz beiseite, streift das Dubhouse-Korsett ab und widmet sich unter neuen Vorzeichen einer alten Liebe: jackendem Oldschool-House im zeitgenössischen Soundgewand. Immer her mit den Bleeps.

Tigerskin heißt das neue Alias. Doch wer auf dem nun erscheinenden Album “Back in the Days” auf lupenreinen, originär trocken jackenden House der ganz alten Schule spekuliert, liegt falsch. Stattdessen gibt es eine feucht-fröhliche Mischung aus eindeutigen Jackhouse-Zitaten, bleependen Acidlines frisch aus der 303, dazu auch mal unverhohlen kitschige Chords aus der Disco-Grabbelkiste, plus die obligaten früh-90er-Anfeuerungsvocals der Kategorie “Work that Bodee”. Das klingt wild und ist es auch. Dabei keineswegs schwerverdaulich, höchstens für Anhänger des reinen Dub-Taylor-Delay-Sounds. Für alle andern: durchaus unterhaltsam, frisch und eingängig. Für Alex Krüger: ein neues Alias zwischen dem bereits erwähnten Dub Taylor sowie Korsakov, Echobox, Phew und den sagenumwobenen Ameisen Automaten.

Debug:
Warum jetzt Tigerskin und nicht mehr Dub Taylor?

Tigerskin:
Die ursprüngliche Idee kam, als ich am letzten Dub-Taylor-Album gesessen habe. Da wollte ich schon sehr Acid-lastige Sachen machen. Aber das passte irgendwie nicht so richtig zu Dub Taylor. Dann habe ich für die “Jack to the future”-Compilation einen Retro-Track gemacht, und da wurde mir klar, dass ich noch mehr Acid-Tracks machen will. Ich habe übrigens schon in meinem letzten Debug-Interview mit Bleed prophezeit, dass Acid wiederkommen wird! Und das ist jetzt der Fall.

Debug:
Ist das dann jetzt die deutsche Antwort auf die französische Retro-Acid-Welle?

Tigerskin:
Nee, die Idee hatte ich schon länger, ich hatte nur keine 303 (lacht). Und jetzt habe ich mir endlich eine geliehen. Für ein Jahr Hype kauf ich mir doch keine!

Debug:
In einem Jahr ist also alles wieder vorbei?

Tigerskin:
Aber klar. Das nächste Ding ist Rave-Trance. Es wird wieder ravig werden, aber davor kommt auf jeden Fall Trance in einer abgewandelten Form. So ne langsame Variante, wie eine Mischung aus Deephouse und Trance. Halt ohne die obligatorischen Elemente wie Trommelwirbel usw., behaupte ich jetzt mal so.

Debug:
Woher kommen denn deine Samplereferenzen?

Tigerskin:
Ich habe sehr viel alte Platten, vornehmlich 50er, 60er, 70er und frühe 80er. Jazz, Fusion, Soul. Ich arbeite halt immer sehr samplebasiert, auch bei Dub Taylor, auch wenn man es da nicht immer so raushört. Beim neuen Album jetzt habe ich es oft so gemacht, dass ich mir bestimme Grooves/Loops aus alten Stücken genommen habe und die dann nachgebaut und verändert habe. Und durch die Sammelleidenschaft stolpert man natürlich immer wieder über bekannte Samples. Und wenn ich dann mal Beastie Boys höre, freue ich mich immer, dass die ganzen Samples endlich mal jemand benutzt hat.

Debug:
Da darf es auch mal ein bisschen kitschig sein?

Tigerskin:
Es muss!! (lacht) Ich steh auf alles, was mit Kitsch zu tun hat.

Debug:
Dafür also das neue Alias, weil das mit Dub Taylor nicht ging?

Tigerskin:
Naja, ich hab es bei Dub Taylor auch oft gemacht, nur sind diese Sachen nie rausgekommen! Und dann habe ich irgendwann gemerkt, die Leute, die Dub Taylor veröffentlichen, stehen da nicht so drauf. Und wenn mal was von diesen cheesy Sachen rauskam, hat das Publikum meist sehr gespalten reagiert. Ich finde halt diese ganz minimalen Sachen mit nur drei oder vier Sounds etwas uneigenständig. Es sei denn, es ist irgendwie ein Sound, den niemand sonst hat. Auch wenn sie natürlich im Club funktionieren mögen.

Debug:
Neben Kitsch scheint bei Tigerskin jetzt auch etwas mehr Platz für Humor zu sein?

Tigerskin:
Ich wollte immer lustige Sachen machen, z.B. bei Korsakow, und bin damit auch oft gescheitert und freue mich jetzt natürlich, wenn das bei Tigerskin angenommen wird. Da ist das Dub-Taylor-Publikum zu sehr pragmatisch und manchmal ein bisschen engstirnig.

Debug:
Pragmatisch im Sinne von “passt der neue Dub-Taylor-Track in mein Minimal-/Dub-House-Set…”?

Tigerskin:
Ja. Das gab dann auch immer böse Kritiken, von wegen “nichts ist geblieben”, und ich habe einfach die Schnauze voll! Die Leute sollen endlich über den Tellerrand gucken und feststellen, dass es noch mehr gibt als eine einzige Sache!

Debug:
Tigerskin ist ja auch kein purer trockener Jackhouse.

Tigerskin:
Nein. Ich will es lieber ein bisschen anpassen, ein bisschen verpacken, neu kombinieren. Ich mag es z.B. gerne, wenn man ein paar Disco-Elemente hat und dann die 303 reinkommt. Viele, die die Zeit damals miterlebt haben, werden sagen: “Ah, das kommt mir aber bekannt vor.” Für Leute, die jünger sind, ist es vielleicht was komplett Neues. So wie bei Oasis, da haben auch die Jüngeren gesagt: “coole Musik” und die Älteren “Endlich eine Band, die klingt wie Rolling Stones und Beatles zusammen.” Das war einfach perfekt getimet und super Musik noch dazu.

Debug:
Hast du für Tigerskin die Delays aus dem Studio geworfen?

Tigerskin:
Nein, bei Tigerskin werden sie zwar äußerst sparsam eingesetzt, bei den anstehenden Dub-Taylor- Tracks kommen sie aber wieder zum Einsatz. Sie sind also nicht aus dem Studio geflogen.

Debug:
Thema Force Inc – du hast ja viel Geld verloren letztes Jahr …

Tigerskin:
Was soll ich dazu sagen? A ist es natürlich sehr bedauerlich, weil Force Inc eine Plattform war für Leute, die sonst wahrscheinlich keine Chance gehabt hätten, etwas zu veröffentlichen, gerade was künstlerische Sachen angeht, die zum Hören eigentlich ungeeignet sind, sondern eher als Kunstobjekte gedacht sind. B ist es bedauerlich, aber nicht verwunderlich. Aufgrund der Arbeitsweise des Labels, aufgrund des ganzen Gebahrens, wie Anhäufung von Gema-Gebühren, Nichtbezahlens von Künstlern. Da kann man nicht alles auf den EFA-Konkurs schieben. Das EFA-Geld war nur ein Bruchteil dessen, was Force Inc den Künstlern schuldete. Da sind viele Fehler gemacht worden. Idealismus hin oder her. Ich bin ja noch nicht mal der schlimmste Fall, es gibt andere Künstler, bei denen Summen offen sind, die wirklich jenseits von Gut und Böse liegen. Ich lebe noch, ich habe die Kurve gekriegt, andere haben noch viel mehr darunter gelitten.

Dieser Artikel erschien im Magazin DE:BUG.

 

 

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