Rand Muzik: Thüringens Exportschlager Deephouse

von ludwig am 26. April 2004


R.A.N.D. MUZIK aus Schmalkalden beweist mit dem angeschlossenen House-Konglomerat aus den Labeln USM, Out To Lunch und Co. seit Jahren, dass Leben in der Provinz ganz breite Kultur bedeuten kann. Debug schickte eine Reporter-Delegation in den tiefen thüringischen Wald.

Von: ludwig coenen, lukas lehmann, moritz metz

Stadt, Land, Fluss. Am Hermsdorfer Kreuz gen Westen, Weimar hinter sich lassen, auch Jena, und nach den drei Burgen irgendwann runter von der Autobahn. Früher hätte man die Burgen belagert und erobert, die Schmalkalden-Jungs veranstalten dort lieber Partys. Mehr Kurven jetzt, eine Hügellandschaft tut sich auf, aber Schnee bedeckt das, wofür man Schmalkalden im Sommer “Grünes Herz” nennt. Klar, Winter im Wald, und die Sommerreifen haben an Bergen soviel Halt wie unsere Ahnung, hier irgendwo ein Deephouse-Zentrum zu finden. Aber wären wir sonst hier, die Drei-Mann-Debug-Delegation? Wohl kaum. Was schade wäre. Weil: Es ist hier so schön wie keine zwanzig Berliner Brunnenstraßen, eine Kleinstadt mit Kleinoden von Fachwerkhäusern, umgeben von waldigen Hügeln, wenn auch im Moment eher leer und mit grauem Januar-Dauerregen konfrontiert. Doch wen kratzt das, wenn Deephouse einen von innen wärmt. Man kennt sich auf der Straße und ist vorsichtig mit Fremden, so werden wir von den Rand-Muzik-Jungs herzlichst aufgenommen, aber der Nachbar lunzt dann doch schon mal argwöhnisch hinter seinen Vorhängen hervor, als wir aus dem Auto steigen.

Das Dorfphänomen gibt es ja öfters. Weilheim füllt die Regale mit Indietronics; geh nach Schmalkalden und deine deutsche Deephouse-Plattensammlung ist fast komplett. Hier residiert das Randmuzik-Kollektiv um die Musiker Lowtec, Marvin Dash und deren Freunde. Doch Land heißt nicht gleich Isolation, um hier schon mal dem Klischee der kreativen Oase etwas vorzubeugen.

Wie besondere Pflanzen gedeihen ruhmreiche Subkulturen meist unter speziellen Umständen. Klima ist der ruhige Wind, Sonnenschein der Freundeskreis, Gewächshaus die zentrale WG, Studio-Labor deren Küche, Gartenwerkzeug die neu erworbenen Sampler, Synthesizer und Geräte und Dünger die monatlichen Ausflüge zu Plattenläden in Frankfurt oder Berlin, bzw. dank Hardwax die Plattenlieferung im Briefkasten. Dazu ein Regenschwall von Glück, und so ist RAND-MUZIK entstanden.

Geschichtsstunde mit Lowtec

Den Grundstein in grauer Vorzeit legte ein gewisser Dr. Hagen. Dr. Hagen? Genau! Denn hätte der Schmalkalder Landrat 1893 nicht dem preußischen Minister für Handel und Gewerbe den Vorschlag unterbreitet, eine Institution nach dem Muster der in Remscheid bestehenden Fachschule einzurichten, hätten Jens Kuhn (aka Lowtec), Marco Fischer (aka Krok & Bannlust) und Gunnar Heuschkel (aka The Unknown & Lynx) sich wohl nie kennen gelernt. Die drei Studenten der FH Schmalkalden entdeckten schon zu Beginn ihres Maschinenbau-Studiums das gemeinsame Interesse für elektronische Musik und gründeten daraufhin konsequenterweise eine WG. Mit eigenem Studio, versteht sich. Und die Geräte wurden nicht kalt: Wenn einer der drei in der Nacht das Bett gegen den Produzentensessel getauscht hatte und am nächsten Morgen mit müden Augen den Weg ins Schlafzimmer antrat, wartete schon der nächste Kandidat darauf, sich des heiß geliebten Equipments anzunehmen. Sogar bei Feierlichkeiten in der WG konnten die Jungs ihren Kreativitätsdrang nicht stoppen und verschwanden kurzzeitig im Studio, um am Track desjenigen weiterzuschrauben, der sich oben wahrscheinlich gerade das nächste Bier gönnte.

Den üblichen Automatismus vom Musik-Hören übers Auflegen zum Produzieren bis hin zum eigenen Label führten Jens, Marko, Thorsten, Stefan und Gunnar allerdings noch etwas weiter, als sie schließlich in Leipzig das Rand-Muzik-Presswerk aufmachten. Wer das Vinylbusiness kennt, der weiß, was das an Aufwand bedeutet, mit Maschinen aus Schweden, die man in Polen aufgetrieben hat, Ersatzteilen aus England, Dubplate-Rohlingen aus USA und Vinyl-Granulat aus Japan zu jonglieren. Ob sie wussten, auf was sie sich da einlassen? Diese Frage quittieren sie mit einem verschmitzten Lächeln, aber das Maschinenbau-Studium war mit Sicherheit eine große Hilfe. So zogen Gunnar, Stefan und Jan zum Presswerk nach Leipzig, während Jens Kuhn in Schmalkalden blieb, in der Nähe des befreundeten Marvin Dash, der eigentlich Ronald heißt und Installateur von Beruf ist und zu den Künstlern gehört, die man meistens mit dem Schmalkaldener-Label-Netzwerk assoziiert. Zusammen mit Seidensticker, Benjamin Brunn oder Even Tuell. Ein Alias, hinter dem übrigens Paul David von Airbag steckt, eine freundschaftliche Verbindung, die zum einen zu der hoch gelobten Airbag-Compilation führte, die nun fortgesetzt werden soll, und zum anderen erklärt, warum in Schmalkalden alle Airbag-Taschen tragen. Neben diesem Link in die südhessische Provinz ist man auch noch mit dem Labelmacher von Source Records, Move D (David Moufang), gut befreundet: “Die Kunststoff-LP von ihm hat uns sehr beeindruckt, also haben wir ein Demo hingeschickt und ihn so kennen gelernt.” Und so tauscht man nach dem “Du bei mir, ich bei dir”-Prinzip Releases aus, während sich um die innere Deep-House-Blase in Schmalkalden weitere Gleichgesinnte finden: in Leipzig Mille und Hirsch sowie Polish, oder im benachbarten Meiningen die Macher des Elan-Clubs, die mit ihrem musikalischen Programm ebenfalls in der Provinz die House-Flagge hochhalten wie eine Fackel im Sturm. C-Rock von Stir15 oder die Bartkuhn-Brüder von Needs kennt man ebenso, steht also auch hier mit beiden Beinen fest auf solidem Deephouse-Boden.

Zum Tee bei Goethes Vorfahren

Los ging das Ganze in den Mittneunzigern. Zwischen Planet e, frühen Warp-Sachen, Bomb the Bass, EBM und der Organisation eigener Parties. 1995 gab es mit “The Phase of Urbanization” das erste Release auf dem frisch gegründeten Label United States of Mars. Kurz darauf wurde das nächste Label aus der Taufe gehoben. Science City startete mit einer fünfteiligen Single-Serie. Out To Lunch (Elektronika-House) und 3b (Techno) komplettierten später die Schmalkalder Labellandschaft. Mit dem Geld der ersten Releases wurden die nächsten finanziert, so hangelte man sich Schritt für Schritt von technoid-elektronischen Anfängen rüber zu behutsamem Deephouse, mal leicht, mal verschroben, mal klassisch. Von Spezialisten hoch geschätzt, dennoch von vielen kaum wahrgenommen. So gehen die meisten Platten ins Ausland und die in Deutschland verkauften Exemplare gehen fast komplett entweder im Kompakt-Laden in Köln oder eben im Berliner Hardwax über die Theke. “Die Label-Compilation ‘Behind The Dancefloor’ ist für mich eine der schönsten Houseplatten 2003, aber es ist schwer, dafür Käufer zu finden”, bringt es Oliver Zimmermann aus dem Frankfurter Plattenladen Pro Vinyl auf den Punkt, als wir uns gerade ein paar Randmuzik-Releases besorgen wollen.

Die Hauptstraße entlang, kurz übers Kopfsteinpflaster geholpert, wir sind in Schmalkalden angekommen. Hier bewohnt Jens Kuhn aka Lowtec mit seiner Freundin eine große Wohnung im Stengelschen Haus. Es ist das älteste im Ort. Dicke Mauern von 1580, mit Klosterfundament von 1320. Stengel war ein Finanzbeamter und Vorfahre Goethes, erklärt das Schild neben dem Eingang. Darüber: ein metergroßes Hauswappen, “das eigentlich mal gut für ein Cover wäre”, dahinter ein Klostergarten, durch den man am Wochenende gerne auch mal ein paar Touristen lotst. Das Studio ist in ebenfalls Jahrhunderte alten Beigebäuden untergebracht. Oben bei Jens riechen die Dielen nach Heimat und die Luft nach Kaffee und Kuchen. Hier treffen wir die ganze RAND-Posse.

Entspannt ist wohl das Adjektiv, das die Atmosphäre am besten beschreibt. Man merkt: Hier sitzen keine straighten Produzenten auf Speed, die mal eben das schnelle Geld abräumen wollen. Nein, hier sind die Leute auf Tee mit Honig, Kaffee und selbst gebackenem Stollen von der Oma. Mit vollem Herzen bei der Sache, die Liebe zur Musik ist wichtiger als die schnelle Lorbeere. Klar, die eine oder andere Platte mehr würde man schon gerne an den Mann bringen, aber so zufrieden, wie sie über die Anfänge der Schmalkaldener Deep-House-Enthusiasten Auskunft geben, scheint das nicht wirklich ins Gewicht zu fallen. Die geographische Verortung und ihr Einfluss auf das musikalische Programm wird hier lang nicht so wichtig genommen, wie das von außen scheinen mag, um das Provinz-Klischee will man lieber einen großen Bogen machen. “Ich würde das nicht überbewerten”, wiegelt Lowtec ab. Doch ganz von der Hand zu weisen ist es auch nicht: “Wir sind schon relativ autark und vielleicht auch nicht so nah dran an den aktuellsten Sounds in den Clubs. Wir orientieren uns dann eher an der Musik an sich. Vielleicht sind wir dadurch auch weniger von Hypes beeinflusst.” Hier sagen sich nicht Hase und Fuchs, sondern Zielsetzung und Umgebung Gute Nacht, schließlich konstatiert man, nach der Quintessenz der verschiedenen Labels gefragt: “Es sollte möglichst keine modische Musik, sondern Musik mit einer gewissen Halbwertszeit sein.” Und das trifft doch punktgenau das, was man als typisch für USM, OTL & Co im Kopf hat: ein musikalisches Haltbarkeitsdatum, dass sich selbst vor sich herschiebt und den schnellebigen Umbauten in der musikalischen Landschaft eine lange Nase dreht. Vielleicht ein Vorsprung durch Erdung, schließlich sitzen wir hier nicht in einem Café im hektischen Berlin-Mitte, sondern im ältesten Haus Schmalkaldens, das Fachwerk knarrt, trotz der Jahreszeit ist es eher grün als grau vor der Tür. Die Berufe pendeln zwischen Maschinenbau-Ingenieuren und Installateur, nicht zwischen Webdesigner und freischaffendem Künstler. Alles so real wie selbst gebackener Kuchen und wärmer als Kaffee aus der Thermoskanne.

Mit der Zeit hat jeder mehr oder weniger sein Ding gefunden. Lowtec, anfangs Gemeinschaftsprojekt von Jens Kuhn und Marvin Dash, wurde zum Solo-Projekt, die musikalischen Charakteristika der verschiedenen Labels und Künstler mit der Zeit immer weiter ausdifferenziert. Trotzdem wird immer noch alles releast, was dem Kollektiv gefällt, das letzte Jahr hat man eher abwartend verstreichen lassen, dieses Jahr will man wieder in die Offensive gehen. Auf allen Labels stehen neue Sachen an, Teil zwei der Airbag-Compilation ist schon so gut wie fertig. Dabei bauen sie finanziell nicht unbedingt auf die Musik, auch wenn sie im Kopf mehr Raum einnimmt als der Broterwerb, das gibt Freiheit. Jens, also Lowtec, entwickelt zum Beispiel im täglichen Leben Autoscheinwerfer. Gerade plant er diese Strahler, die auch in Kurven gerade auf die Straße leuchten. Seine Musik vereint derweilen beides: geradeaus im Viervierteltakt, oder eben kurvig-elektronisch. Immer mitsamt erlesen-groovenden Minimalteilchen, unterfüttert mit atmosphärischen Klangkonstrukten (wie etwa das Tackern der Maschinen in Paul Davids Airbag-Werkstatt), eingebettet in eine Vision von Deep House, die doch eher im Kopf als in den Beinen stattfindet. Was eventuell für Floor-Puristen sophisticated rüberkommen mag, weil außerhalb des Tanz-Imperativs stehend, trotzdem aber schwer bodenständig bleibt, denn “Wir wollen ja auch keine Autoren-Label machen”, so Marco Fischer. Was Lowtec und seine musikalische Wahlfamilie seit Mitte der 90er-Jahre auf ihren Labeln releasen, ist dabei alles andere als gerade und glattgebügelt. Zwischen Deephouse-Skizzen wie auf der Seidensticker EP “Scribbled” oder eher minimaleren Tracks, wie sie sich auf der im letzten Jahr erschienen Label-Compilation “Behind the Dancefloor” finden, hat man sich mit den Labels Out to Lunch und United States of Mars eher eine Nische für Tracks geschaffen, die sich in ihrer Eigentümlichkeit und irgendwie aufgeraut klingenden Soundästhetik zu aalglatten, nahtlos durchgestylten Produktionen verhalten wie Bergsträßchen zur Autobahn. Auf der kann man zwar schneller fahren, dafür rast alles an einem vorbei.

Wer es ruhiger angeht, sieht mehr, wird aber auch gerne mit Klischees belegt. Das blödeste? “Dass uns die Musik bei den Spaziergängen einfällt.” Klar gehen sie manchmal spazieren, es sind nur zehn Minuten in den Wald. So ist das hier halt.

Abends erstreckt sich vor uns die neue Autobahn von Suhl nach Meiningen. Wir haben Glück, das Wochenendprogramm ist so groß wie die Namen: I:Cube und Gilb´R, sind zu Gast im legendären Elan-Club zu Meiningen. Ganz sicher sind auch die erstaunt, mit wie viel Herz und Elan man hier feiert. Aussehen wie in Berlin-Mitte, aber feiern mit Teenagerfreude. Auch Lowtec legt auf, und da bleiben wir bis 6 Uhr morgens. Der Thüringische Wald ist super!

Dieser Artikel erschien im Magazin DE:BUG.

 

 

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