MC Tali: Getoastet auf Double-Speed

Auf Trance-Parties sind Dreadlocks immer noch der letzte Schrei, bei Drum and Bass auch. Der Vibe zählt eben. So ist die neuseeländische MC Tali über Trance zu Drum and Bass bis nach England und zu Full Cycle gekommen. Dort hat sie mit Krust, Die und Roni Size ihr erstes Album eingespielt, damit Missy Elliott endlich ihren Gegenpart im Drum and Bass bekommt.

Alles Gute kommt von unten, Drum and Bass unterzieht sich einer Frischzellen-Kur von Down-Under. Pendulum aus Australien walzten mit ihrem Hit “The Vault” einmal quer über alle Floors, jetzt ist Neuseeland dran, mit Concord Down und Tali, einem neuen weiblichen Drum&Bass-MC im Hause Full Cycle. Ist Neuseeland vielleicht doch mehr als pitoreske Herr-der-Ringe-Kulisse und Wallfahrts-Ort für Tolkien-Fans?

 

Roni Size spielte in Australien, MC Dynamite ist wie immer mit dabei, auf einmal taucht Tali auf, eine der populärsten Drum&Bass-MCs Australiens und schnappt sich das Mic. Und sie versteht es, den Herrn aus England derart zu überzeugen, dass er seinen Full-Cycle-MC erstmal zum Üben nach Hause schickt. Das war vor drei Jahren. Es folgte eine Einladung nach Bristol, sechs Monate später stand sie mit einem Laptop voll mit neuen Tunes bei Roni Size in der Tür. Das erste Ergebnis der Zusammenarbeit mit Roni war die Maxi “Lyric on my Lip” auf Full Cycle und die mauserte sich zu einem äußerst erfolgreichen Startschuss. Diverse Projekte wie etwa “Inta Outa” mit DJ Patife folgten. Inzwischen liegt ihr Debüt-Album vor, es heißt wie die erste Maxi “Lyric on my Lip” und auf dem Produzenten-Sessel saß neben Krust und DJ Die – na klar – Roni Size.

Herausgekommen sind ein Dutzend catchy Tracks zwischen Drum and Bass, HipHop und jazzigen Exkursen, wobei letztere sicherlich nicht die Höhepunkte des Albums darstellen. Bei den Beats hört man deutlich den Roni raus. Gekonnt klapprig in den Percussion-Sounds, scheint er sich hier auf knarzige Bassline-Konstrukte der simpleren Sorte spezialisieren zu wollen, weit weg vom Soul seiner Reprazent-Produktionen. Doch das ist nicht weiter schlimm, denn sie treten sowieso in den Hintergrund, die Beats, hinter den vielfältigen Styles von Tali, die es schafft, mal half-, mal double-speed toastend, mal sweet singend, den jeweiligen Track zum Teil ihrer musikalischen Vision zu machen. Alles das zusammen klingt sehr eingängig, mal auf den Punkt genau ravend, dann wieder Gesang, süß, ohne klebrig zu sein, immer glasklar und irgendwie poppig. Ja, poppig. Könnte ohne Probleme im Radio laufen, in England sowieso und vielleicht auch hier, möchte man meinen.

Missy Elliott statt Kosheen

Das muss man schon erstmal verdauen, denn: erste Assoziation bei Drum and Bass und Pop? Kosheen. Oha. Fader Nachgeschmack inklusive, dank des Gimmick-Faktors, zu dem Drum and Bass in ihren Produktionen schließlich verkommen ist. Würde Tali vielleicht auch diesen Weg einschlagen? “Nein, das wäre nicht mehr ich. Dazu wurden meine musikalischen Vorstellungen zu sehr von elektronischer Musik beeinflusst. Ich bewundere Missy Elliott, Erikah Badu oder Alicia Keys, aber am Anfang standen GQ, MC Dynamite, Conrad oder eben Krust, Grooverider und Roni Size. Und ich stand schon immer auf die Full Cycle-Sachen”, verkündet mir eine freundliche Tali am Telefon. Wie kam denn der Kontakt zur Clubmusik zustande, im lauschigen Neuseeland? “Ich habe mit meinen Eltern in Neuseeland auf dem Land gelebt und bin dann zum Studieren nach Wellington (die Hauptstadt Neuseelands) gezogen, später dann in den Süden des Landes, dort war ich auf meinen ersten Raves und mir gefiel der Vibe auf den Parties. Allerdings nur der Vibe, denn dort lief meistens Trance. Bis ich dann irgendwann Drum and Bass, bzw. Jungle entdeckt habe.” Also rein ins Party-Biz und immer fleißig MCing geübt, bis sie schließlich die Full-Cycle-Jungs schnappten und mit nach Bristol nahmen, dafür tauscht man schon mal das sonnige Neuseeland gegen das regnerische Bristol? “Ich vermisse Neuseeland geographisch, aber nicht musikalisch. Ich liebe Bristol. Ich habe dort meine musikalische Familie, auch wenn ich meine echte Familie nur einmal im Jahr sehe.” Hier setzt jemand Prioritäten. Und wenn man bedenkt, was Missy Elliott und Co. für HipHop getan haben, dann kann man nur gespannt sein, was weiblicher Zuwachs aus Down-Under mit den Breitband-Skills einer MC Tali bei Drum and Bass bewirkt. Da wird Legolas noch mit den Spitzohren schlackern.

Dieser Artikel erschien im Magazin DE:BUG.


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