Henrik Schwarz: Kultur statt Aerobic

von ludwig am 26. April 2006


Minimal reimt sich zu oft auf trivial. Findet Henrik Schwarz. Seine Deephousetracks mit Live-Feeling setzen einen Gegenpol, der nicht nur Gilles Peterson vom Hocker haut.

Das Wort elegisch wird in den Tracks von Henrik Schwarz im positivsten Sinne ausgelotet: lange Spannungsbögen, aufgebaut auf die Langsamkeit von subtilen Loopvariationen, die viel mehr wollen, als bloß Ärsche zum Wackeln bringen. Nämlich Tiefe entwickeln und dabei Orte im Hirn kitzeln, an denen die Sägezahn-Basslines des aktuellen Club-Konsens, sprich Techhouse, einfach spurlos vorbeirauschen.

Und dabei war es hierzulande so ruhig geworden um die deeperen Varianten von House. Minimal und knarziger Techhouse geben in den Clubs den Ton an, DSP-gestützte Orgien an Kleinteiligkeit und Dekonstruktion haben dank populärer Vertreter sowieso ein ganz neues Feld eröffnet. Im Schatten dessen frönte deeper House allenthalben ein Nischendasein. Aber mal ehrlich, tiefreligiöse Gospelhouse-Eskapaden, 8-Minuten-Xylophon-Solos, zu viel House Marke Coffeetable-Style, wer mochte das am Schluss noch hören, welcher DJ wollte das noch seiner Crowd zumuten? Genau, höchstens die Puristen-Fraktion, glühende Verehrer der reinen Lehre, die jegliche Neuerung und vermeintliche Verunreinigung erst mal ein paar Jahre skeptisch beäugen. Doch diese sind glücklicherweise selten geworden, währenddessen rollen Sasse mit seinem Label Moodmusic und Henrik Schwarz mit Sunday Music das Feld von hinten auf. Denn merke: Wer mit allzu ernstem Blick das US-Import-Fach fixiert, steht möglicherweise mit dem Rücken zu spannenden Entwicklungen hierzulande. Und die bringt im Moment vor allem einer auf den Punkt: Henrik Schwarz.

Der gutgelaunte Wahlberliner sorgte mit seinem Track “Chicago“ für eine mittlere Sensation, nicht zu letzt dank prominenter Wertschätzung samt Airplay durch Hipster-König Gilles Peterson. Doch seit “Chicago“ ist einiges passiert. Henrik Schwarz hat die Hoffnungen, die in ihn gesetzt wurden, mit zahlreichen Releases untermauert und ihnen mit seiner aktuellen EP “Leave my Head alone Brain“ die Krone aufgesetzt, was auch Gilles Peterson zu erneuten Begeisterungssprüngen verleitet. Zeit, Henrik Schwarz mal zu fragen, wie er das sieht. Und so treffe ich ihn, trotz gebrochenem Zeh und Berliner Dauerregen, blendend aufgelegt in einem Café in Kreuzberg 61.

DE:BUG:
Ist es nicht langsam Zeit, ein Album zu machen?

Henrik:
Ich überlege, drei Alben zu machen (lacht). Auf jeden Fall eines für Moodmusic, das ist schon lange geplant und das ist auch schon am weitesten. Und dann noch eines für Sunday Music natürlich, das dauert aber noch. Einfach noch mal ein Päckchen von anderem Material, etwas losgelöst von diesem 12“-Gedanken. Ehrlich gesagt, ich hatte mich dem Album-Gedanken aber noch gar nicht richtig gewidmet. Aber jetzt war ich gerade in Japan auf Tour und das hatte eine ganz andere, friedliche Ausstrahlung da.

DE:BUG:
Was war denn in Japan anders als hier?

Henrik:
Die Essenz davon habe ich noch nicht ganz raus, aber auf jeden Fall: Man kommt zurück und fühlt sich gut. Ich war total erstaunt, der Unterschied zu Deutschland ist einfach dramatisch. Gerade Deutschland ist doch manchmal recht platt unterwegs. Auch wenn hier viel produziert wird, was auf ganz hohem Level passiert. Ich will das auch gar nicht als negativ bewerten, aber wenn man hier in die Clubs geht, ist es schon sehr funktional, nicht besonders tief, was da läuft. Das hat etwas Aerobicmäßiges, man geht zum Schwitzen da hin. Aber es ist nur was Körperliches, nichts Geistiges. Und extrem drogenlastig, ich weiß zwar nicht, wie das in Japan mit den Drogen ist, aber da wird schon zu ganz anderer Musik getanzt. Also die Engländer und die Japaner haben mich echt beeindruckt, da ist das dann kein Aerobic, sondern halt Kultur.

DE:BUG:
Es kann schon mal mehr sein als Musik für die Beine und sonst nichts …

Henrik:
Ja, das ist ja auch okay für die, die es mögen. Klar gibt es auch Inseln in Berlin, wo spannende Musik passiert, aber es geht eben um das große Bild. Ich finde nur oft, dass hier minimal mit trivial verwechselt wird.

DE:BUG:
Deine Sachen sind ja auch in gewisser Weise minimal, wenn man sich zum Beispiel den Monotonie-Aspekt deiner Stücke anschaut.

Henrik:
Klar, auf jeden Fall, ich bin ja auch der totale Techno-Heini und die kurzen Loops interessieren mich schon (lacht).

DE:BUG:
Daher entwickelst du deine Stücke oft auch im Club aus deinen Livesets, oder ist das nicht mehr so?

Henrik:
Ja, das ist auf jeden Fall immer noch so. Wie “Chicago“ ist auch “Leave my Head alone Brain“ auch wieder beim Live-Spielen entstanden. Das kommt daher, dass dieser magische Moment, der mir so wichtig ist, oft passiert, wenn du irgendwo spielst. Du hast dann halt die Files, spielst und irgendwas passiert dann, wobei natürlich die Leute eine große Rolle spielen. Irgendwie schiebt sich das Feedback der Leute im Club zwischen die Files. Und das ist es, was mich interessiert. Deswegen schneide ich auch immer mit, wenn ich live spiele. Für den Fall, dass irgendwas passiert. Wenn überhaupt was passiert (lacht). Manchmal passiert auch nichts (lacht). Denn ein Nachbauen der Arrangements zu Hause funktioniert einfach nicht so gut, da fehlt dann die Atmosphäre, die du im Club irgendwie mit aufnimmst.

DE:BUG:
Hat Gilles Peterson “Leave my head alone“ wieder gespielt?

Henrik:
Jaja, der hat das sogar schon am Tag des Entstehens gespielt. Das war irgendwie so, dass ich Anfang letztes Jahr ein Mixtape für ihn gemacht habe, für die Sendung. Und wir standen deswegen im Email-Kontakt. An dem Tag war auch abends ein Auftritt und ich hatte morgens noch eine Platte gekauft, von der ich dann für abends gesampelt hatte. Jedenfalls habe ich ihm dann geschrieben, dass ich ihm die CD geschickt habe und habe ihm an die Mail nur zum Spaß ein MP3 angehängt, von dem, was ich da nachmittags gebastelt hatte. Ja und das lief dann als Eröffnungstrack in der nächsten Worldwide-Sendung. Und danach ging dann ein absolutes Email-Inferno los.

DE:BUG:
Wie gehst du mit diesem Erwartungsdruck um, mit der Aufmerksamkeit, die auf einmal auf dich gerichtet ist?

Henrik:
Das ist bei mir eigentlich kein Problem, ich bin ja so langsam in allem, bis das Stück dann rauskommt, haben es eh wieder alle vergessen. Und die Engländer hypen ja alles gerne bis zum Anschlag und das kann man so ganz gut umgehen. Und ein Jahr ist für mich auch immer eine ganz gute Zeitspanne. Das ist schon gut so. Also ich halte gar nichts davon, von wegen: “Das habe ich heute gemacht, das bringe ich nächste Woche raus.”

DE:BUG:
Kennst du da keine Ungeduld?

Henrik:
Klar, aber oft macht man halt etwas aus einem Enthusiasmus heraus, dann presst du es auf Platte und dann kannst du nichts mehr daran ändern. Das wäre mir zu schnell, ich brauche da einfach länger. Ich höre mir die Sachen auch nach sechs Wochen gerne noch mal an, wenn dein Hirn nicht mehr so tief in den Loops drin ist, weil du den Loop beim Produzieren 50.000 mal gehört hast. Da funktioniert einfach die Bewertung nicht mehr so gut. Da muss man einfach warten. Für mich ist das eine Arbeitsweise.

Dieser Artikel erschien im Magazin DE:BUG.

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