Der Goldfish & der Dulz: Glücksperlen hinterm Deich

In Bremen geht was. Zum Beispiel poppiger Techhouse und schmachtige Reality-Soap-Untermalung aus den gleichen Musikerhirnen. Für “Der Goldfish und der Dulz” kein Widerspruch, denn schließlich generiert beides das Gleiche: Emotionen.

Bremen rockt, die Hansestadt brodelt. Was, ihr habt die Stadt noch nicht auf eurem Plan der wichtigsten Hedonismus-Zulieferer? Dann wird es aber Zeit, schnappt euch den nächsten Edding und malt einen dicken Kreis um die kleine Schwester Hamburgs. Denn von Bremen aus sorgen nicht nur Caulfield, James DIN A4 und Thomas Schumacher für Furore, sondern vor allem auch das knuddelige Techhouse-Duo mit dem sagenhaften Namen: der Goldfish und der Dulz.

 

Der Name steht für zeitgenössische Bleeps auf solider Minimal-Basis, mit einem Schuss Pop dazu. Garantiert bestens verdaulich, dabei angenehm aufgeräumt im Klangbild und unwiderstehlich euphorisch im Nachgeschmack in seiner Mischung aus im besten Sinne durchen Vocals und jeder Menge klarer Seeluft zwischen den Bleeps.

Angefangen hat es bei den beiden Wahlbremern Jörg und Maurice mit Releases auf Playhouse, mittlerweile glänzen sie bei Moon Harbour und Boxersport. Der eine ist TV-Autor und macht auch Musik fürs Fernsehen, der andere arbeitet im Plattenladen. Der eine wurde durch die Plattensammlung der Schwester, der andere durch die Liebe zu Italo und Cabaret Voltaire musikalisch sozialisiert. Der Hang zum musikalischen Überschwang kommt nicht von ungefähr. ”Wir sind beide große Pop-Fans.“ Pop, dass ist für die beiden ”so was wie New Order, LFO und DBX“. Dabei können sie – wie eigentlich alle Techhouse-Produzenten – mit diesem Etikett so gar nix anfangen. ”Eigentlich gibt es den Begriff Techhouse für uns gar nicht. Wir empfinden das Ganze schon eher als Minimal-House. Vielleicht ist ‘Higher Energy’ auch eher ein Ausnahme-Track für uns.“ Besagter Track findet sich auf ihrer letzten Boxersport-Maxi und es ist eine clonkige Glücksperle erster Güte, die die beiden da hinterm Deich zusammengeschraubt haben.

Kaum zu glauben, dass die Musik zu seichten Reality-Schmonzetten wie ”die Bachelorette“ aus dem gleichen Studio kommt. Aber wo ist da eigentlich der große Unterschied – einmal schmachtet die Hausfrau vor dem Fernseher, einmal schmeißt der gemeine Techhouse-Geezer im Club die Arme in die Luft, raus kommt das Gleiche: Emotionen. Oder etwa nicht? So gesehen wird die Boxer-Maxi plötzlich zur medienkritischen Reflektion, denn wie singen die beiden so schön auf ihrer neuen Platte? ”I like my privacy, yes I like a lot.” Das erklärt ganz nebenbei auch, warum die beiden sich in Bremen so wohl fühlen und noch nicht den Verheißungen der Hedonismus-Fabrik Berlin erlegen sind. Dahinter steckt vielleicht das gleiche Phänomen, wie es sich auch in den Debug-Jahrespoll-Clubrankings gezeigt hat: Dezentralismus rockt wieder!

Dieser Artikel erschien im Magazin DE:BUG.

 

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