David Duriez / Phil Weeks: Wer ist Sancho, wer ist der Don?

von ludwig am 26. April 2004


Ob es den letzten Franzosenhype Agoria gäbe ohne David Duriex und Phil Weeks? Die beiden sind die tragenden Säulen der aufgefrischten Houseszene Frankreichs nach dem Filter-Ausverkauf – und werden mit ihrer charakteristischen Allround-Integration aller House-Elemente auch locker die nächsten Hypes überdauern.

Wir reden von House. Die Koordinaten sind sind ebenso bekannt wie festgezurrt: minimalistisch klickend oder diskoid schwofend bis prollig bouncend. Bitte wählen sie jetzt. Sie möchten nichts davon, oder am liebsten von allem ein bischen? Dann möchten wir ihnen das Pariser Label-Konglomerat um Phil Weeks und David Duriez ans Herz legen. Die beiden Dons des französischen House beraten sie gerne. Greifen sie zu.Brique Rouge, Robsoul, Stay True und, ganz frisch, Freak’n Chic – willkommen im Reich der Mitte französischer House-Musik nach dem Filter-Overkill. Dabei setzen die beiden französischen Labelmacher und DJs nach wie vor auf internationale Vernetzung und spannen so ihre Fäden quer durch Europa, wickeln England um den Finger und die amerikanische Westküste sowieso. Wo man sich verortet, wird dabei sekundär, auch wenn man auf die Pariser Partyszene, die von außen ja eher skeptisch beäugt wird, nichts kommen lässt. Da wird man schonmal empfindlich und die Rollen sind sowieso schon verteilt: David Duriez weiß als alter Hase, wo es lang geht und wie man den heiligen House-Gral verteidigt, wenn das neue alte Spielzeug namens “Acid” verlockend blubbert, Phil Weeks meint es ernst mit der Ghetto-Attitüde, mimt den Badboy im Hintergrund und kann den Bleeps einfach nicht widerstehen. Sie wollen aussteigen? Zu spät, die Schlinge ist schon zugezogen.Das Karussell der Revivals klemmt. Das Acid-Revival will nicht so richtig über den zweiten Gang hinaus, dabei hatte Etienne de Crecy mit “Am I wrong” schon vor einiger Zeit die knarzenden Fühler ausgestreckt und ist somit auch nicht ganz unschuldig daran, dass man bei Retro-Bleeps an Frankreich denkt. Dann legten Phil Weeks und David Duriez nach, “Song for Maya” und “Buggin da Headphones” schlugen höchst erfolgreich in die gleiche Kerbe.

Debug:
Ist dieser slammende, mit acidartigen Bleeps kombinierte Stil eure bevorzugte Richtung im Moment?

David:
Lustige Frage … Ich habe “Buggin” extra für Phil gemacht und versucht, mich an den Robsoul-Sound zu halten, nur eben etwas härter, und ich glaube, es hat bestens funktioniert. Phils “Song for Maya” war genau das, was ich für Brique Rouge zu der Zeit gesucht habe, ein bisschen komischer, Elektro-angehauchter Anthem mit einer starken melodischen Komponente. Auch wenn er denkt, dass es ein wenig zu sehr Elektro sei, im Vergleich zu dem, was er sonst macht. An diesem Punkt sind wir verschiedener Meinung, aber sonst sind die beiden Tracks schon typisch für unsere Geschmäcker, insofern würde ich die Frage mit ja beantworten.

Phil:
Ich mag und spiele beide Tracks. Und wie gesagt, “Song for Maya” ist zu elektromäßig. Aber ich werde jede Menge neues jackendes Acid-Zeugs veröffentlichen, ich liebe das!Todernstes Acid

Debug:
Dann kam “The Acid” auf Robsoul – ihr scheint es also ernst zu meinen mit dieser Richtung?

David:
Mehr Acid Action und Oldschool-Flava! Nein, also für mich erstmal keine Bleeps mehr … Phil?

Phil:
Jaa!!! Der Nachfolger von “The Acid” kommt bald und alle werden ihn lieben. Eine JT Donaldson Maxi randvoll mit Acid House kommt auch noch. Yeah, mehr Bleeps!

Debug:
Kann man denn dieses Mini-Acid-Revival als französisches Phänomen sehen?

David:
Nein, aber wir haben es gestartet. Wir finden die Idee ganz toll, dass Phil mit “It put me well” und “Hypnose” der Auslöser gewesen sein könnte, aber ich denke, es war vielleicht eher dieser JT Donaldson Track auf Pacific, der den Acid Sound von 1988 wieder zurückbrachte. Aber genug von den 80ern, holt endlich die Underground-Sachen aus den 90ern wieder raus! Ich werde wieder anfangen zu raven (lacht) … Da gibt es noch so viele Schätze, die man wieder ausgraben kann!

Phil:
Das kommt von überall. Außerdem klingen die heutigen Produktionen gar nicht so wie die aus den 80ern. Ich benutze die TB auch gar nicht als Hauptelement eines Tracks, nur ein paar Sounds drumherum, das meiste davon eigentlich nur für den Groove.
Debug: Sind Brique Rouge/Robsoul/Stay True mit ihrer enormen Präsenz eigentlich mittlerweile sowas wie Mainstream für Underground-House bzw. Garage?

David:
Ich denke, wir haben unsere eigene Ecke in der französischen House-Szene, und das war’s. Wir sind zwar weit vorne für einen bestimmten Sound, besonders Phil mit Robsoul, aber ich denke nicht, dass wir der Mainstream sind. Man sagt, wir haben eine Menge dafür getan, dass House in Frankreich Underground bleibt, und das will doch schon was heißen heutzutage, oder Phil?

Phil:
Stimmt, David. Wir machen unser Ding, und das funktioniert. Damit hat sich die Angelegenheit.

Debug:
Brique Rouge und Robsoul haben ja von Anfang an auf internationale Vernetzung gesetzt, die sich nicht so sehr auf die französische Herkunft stützt. Hat sich da in diesem Verhältnis in der letzten Zeit was geändert?

David:
Wenn ich für Brique Rouge spreche – das Label ist immer definitiv auf der internationalen Schiene. Ich habe soviel verschiedene Künstler an Bord, aus so verschiedenen Ländern wie Canada, Türkei, Irland oder Deutschland … Es geht hier nicht um French House, sondern um House Music in ihrer reinsten Form.

Phil:
Ich arbeite viel mit US-Produzenten zusammen, wir teilen den gleichen Vibe. Und die Tracks und Remixes von Robsoul kommen aus den verschiedensten Ländern. Außerdem release ich nur Musik, die ich mag und die ich auflege. Ist mir völlig egal, woher die kommt.

Debug:
Am Anfang wurdet ihr in Frankreich noch nicht so richtig als Teil der französischen Musikszene wahrgenommen – wie sieht das heute aus?

David:
In den 10 Jahren, in denen ich jetzt Musik mache und auflege, stand ich immer eher am Rand der Szene. Jetzt bin ich da weiter drin, werde mehr als, wenn ich das so sagen darf, “brick in the wall” wahrgenommen. Ich habe so lange französische House Musik unterstützt, da ist es normal, dass ich jetzt nach der ganzen Zeit akzeptiert werde (lacht). Klar freut man sich, wenn man eine gewisse Popularität erreicht hat, ohne den großen Ausverkauf zu betreiben. Ich bleibe einfach bei meinen Ideen, wie Musik sein sollte. Alles andere ist sekundär.

Debug:
In Deutschland hört man immer wieder, dass sich das Pariser Partyleben eigentlich nur auf Clubs wie Pulp, Rex etc. reduziert und dass sonst nicht viel passiert, Klischee oder Tatsache?

Phil:
Was??? Wo hast du denn das gehört?

David:
Das stimmt überhaupt nicht. Vielleicht für einen bestimmten Bereich, ja. Aber du kannst auch woanders tanzen gehen, wie im 2Boats, im Batofar bei Dan Ghenacias Nacht “Freak’n’Chic” oder im Concorde Atlantique, wo wir im Sommer jeden Sonntag die Terasse machen. Sonst gibt es noch das Wagg, wo ich meine Residency habe, oder z.B. die Open House Abende am L’Elysée Montmartre und viele, viele andere. Es ist jede Menge los. Immer. Obwohl, das Rex ist immer noch mein Lieblings-Club.

Dieser Artikel erschien im Magazin DE:BUG.

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